Venedig

„Oh!“ Das ist einmal die beste Biennale-Wahl

Ausgewählt zum idealen Zeitpunkt ihrer Karriere: Knebl/Scheirl, Dienstag bei der Pressekonferenz.Ausgewählt zum idealen Zeitpunkt ihrer Karriere: Knebl/Scheirl, Dienstag bei der Pressekonferenz. (c) APA/GEORG HOCHMUTH

25.02.2020 um 18:04

von Almuth Spiegler

Almuth Spiegler

0

 

Die Künstlerinnen Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl werden 2021 den Österreich-Pavillon in einen ihrer bunten, retroschicken, schimmernden, flauschigen, jedenfalls supersinnlichen „Begehrensräume“ verwandeln.

Es lag aber auch so etwas von in der Luft. Triggern die Künstlerinnen Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl doch mit ihrer queeren, multimedialen, supersinnlichen Kunst – als Duo, aber auch solo – zurzeit ziemlich alle Sensorien, die im Gegenwartskunstbetrieb lange Ahs und Ohs hervorrufen. „Oh . . .“ hieß daher auch nicht von ungefähr die spektakulär freche Sammlungs-Neuaufstellung, die Knebl, 1970 in Baden bei Wien geboren, vor drei Jahren dem Wiener Mumok bescherte. Man könnte sagen, es war der institutionelle Durchbruch dieses Power-Couples der gerade in Wien so starken queeren, feministischen Kunstszene.

Es ist also kein Zufall, dass Scheirl/Knebl jetzt ausgerechnet mit Mumok-Direktorin Karola Kraus als Kommissärin – so werden die sozusagen geschäftsführenden Länder-Kuratoren der Biennale Venedig genannt – für Österreich in diesem Eurovisionscontest der bildenden Kunst antreten. Diese von der „Presse“ schon zuvor gehegte Vermutung hat gestern, Dienstag, Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek bei einer Pressekonferenz bestätigt (wollte dabei aber nichts über Kraus' Verbleib an der ausgeschriebenen Mumok-Spitze verraten). Insgesamt wohl einer der erfreulicheren Termine der Neo-Kulturpolitikerin, konnte sie sich bei ihrer Entscheidung doch auf eine Ausschreibung und Kommission verlassen. Entschied bisher der jeweilige Kulturminister noch eigenhändig über den Kunstbeitrag, wurde jetzt ein „transparenter Prozess“ eingeführt, bei dem sich auch 60 Projekte beworben haben. Lunacek folgte aber offensichtlich dem ungereihten, aber mit einer „starken Präferenz“ weitergegebenen Dreiervorschlag der Jury (u. a. Jasper Sharp vom KHM, Hemma Schmutz vom Lentos, Künstler Erwin Wurm).

 

Titel: „Invitation of the Softmachine“

Was zu einer seit Tagen andauernden „Schockstarre vor Glück“ führte, ein, wie Knebl vermittelte, nicht unbedingt nur angenehmer Zustand. Immerhin müssen die beiden aber nicht erst jetzt ein Projekt für nächsten Sommer 2021 aus dem Hut zaubern, es ist in den Grundzügen nämlich schon fertig, inklusive Arbeitstitel: „Invitation of the Softmachine and her angry Bodyparts“. Hier klingt schon alles an, was die Installationen der beiden, wie zuletzt ihr großer Erfolg bei der Biennale Lyon, so auszeichnet. Es sind üppig aus Mode, Malerei, Möbeln und weichen Puppen arrangierte Einladungen, in eine andere Welt einzutauchen. Eine theatrale James-Bond-Welt mit wilden Girls und, wenn schon, sanften Boys, aber trotzdem mit viel Glamour. Auf dem ausladenden Siebzigerjahre-Jet-Bett vom Flohmarkt liegt hier dann eben keine dünne Blondine, sondern einzelne Körperteile und Genitalien, die der lebensgroßen Lederpuppe, die danebensteht, abgefallen zu sein scheinen. Oder sind sie nur abgelegt, sind es ausgebreitete Accessoires, die sonst an goldenen Ketten von anderen Puppenkörpern baumeln? So zu sehen bei der noch bis 28. März laufenden Ausstellung von Knebl in der Galerie Georg Kargl in der Schleifmühlgasse. Sie gibt einen guten Eindruck, was in Venedig zu erwarten ist.

Sicher diese schönen, glasierten Keramik-Gesichter, die Knebl für ihre Figuren so gern verwendet. Sicher auch die schematisch-naiven Teppichbilder, die sich über Wände und Böden ziehen können. Und sicher auch keine falsche Scham, auch nicht vor Komplizenschaft mit anderer Kunst, auch historischer – im Lentos hat Knebl ebenfalls gerade eine Raum-Intervention aus der Sammlung des Hauses laufen.

„Oh!“ ruft Scheirl so gespielt empört dazwischen, dass man sofort das echauffierte „Oh!“ von Komiker Louis de Funès erkennt. Seine Ja-nein-oh!-Dialoge spielten Knebl/Scheirl für ein Video ihres Lyon-Biennale-Beitrags nach, jetzt ebenfalls in der Galerie Kargl zu hören (und sehen). Dieses lustvolle, kindliche Spiel mit den Tabus, die wir unserem binären Geschlechterverständnis verdanken, zieht sich durch beider Werke.

 

Scheirls Film „Dandy Dust“ lockte viele

Scheirl, 1956 in Salzburg geboren, ist dabei die Grande Fatale. Seit ihrer Zeit als Filmemacher in London in den 1970er Jahren gilt sie als Ikone der queeren Szene, vor allem ihr Transgender-Film „Dandy Dust“ ist Kult und lockte viele Junge aus der ganzen Welt an die Akademie der bildenden Künste, wo Scheirl „Kontextuelle Malerei“ unterrichtet. 2017 war sie mit ihren Bildern bei der Documenta 14 vertreten, ihre nächste Ausstellung findet bei der Galerie Crone in Berlin diesen Juni statt.

Das bisher spektakulärste gemeinsame Projekt war aber 2019 die Verhüllung des Rathausturms: Man sah zwei durch roten Stoff miteinander verschmolzene Körper, Scheirl auf den Schultern Knebls sitzend. Das queere Über-Monster. Nie ohne Stil und Humor, die beiden. Aber auch nicht ohne Ernst. Vor allem die Vermittlung ist Knebl ein Anliegen. So wollen sie in Form von Hologrammen im Pavillon erscheinen und mit den Leuten in Kontakt treten, verrät sie. Es werde auch einen virtuellen Raum geben, der die Kunstbiennale vor allem Jüngeren näherbringen soll. Eine eigene Modelinie, bedruckt mit Malerei-Motiven Scheirls (wie immer mit den Austro-Designern House of the very island's), soll ein Weiteres dazu beitragen, was Knebl/Scheirl für ihre Kunst, aber auch Transgender-Themen im Allgemeinen propagieren: „Raus aus dem elitären Raum, rein in den Alltag.“ Auf nach Venedig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2020)

 

 

 

 

Scheirl und Knebl: Queere Kraft voraus zur Biennale in Venedig

Das Duo unterläuft das Reinheitsgebot der Medien so fliegend wie von Gender

Michael Wurmitzer 

 

25. Februar 2020, 16:16

 

57 Postings

https://images.derstandard.at/img/2020/02/25/knebl-scheirlBreiteKLEINER1200pix001.jpg?w=750&s=816c2184

Die Wiener Künstlerinnen Jakob Lena Knebl (li.) und Ashley Hans Scheirl.

Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

Mit Künstlerschwarz braucht man den beiden nicht zu kommen. In lila Schlaghose und grasgrüner Bluse trat Ashley Hans Scheirl auf, Jakob Lena Knebl trug ein goldschimmerndes Jäckchen, als die beiden als nächste heimische Vertreterinnen für die Kunstbiennale in Venedig 2021 vorgestellt wurden. Bunt ist auch die Kunst der beiden: schrill, etwas frivol, sehr humorvoll und für den einen oder anderen auch etwas irritierend. Da hängen Brüste und Penisse als Halsketten an Figuren, oder es sitzt eine dicke, große, braune Kotwurst auf einem Stuhl und scheidet Goldklumpen aus. Ein Kommentar zum Kapitalismus.

Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl sind privat und beruflich ein Paar und zwei der heißesten Aktien der heimischen Kunstszene. Man möchte fast von einer typisch öster reichischen Avantgardekarriere sprechen: Denn erst in den letzten Jahren feiern sie kommerziell und institutionell (Mumok, Documenta etc.) Erfolge. Das liege nicht zuletzt an einer jungen Kuratorengeneration, meinen beide.

Es kann aber auch daran liegen, dass sie mit ihrem Hinterfragen von Geschlechts- und Gesellschaftskonstruktionen, Körperbildern und kunsttauglichen Materialien einfach den Zeitgeist treffen. Der einst abwertend benutzte Begriff "queer", der sich durch ihr Werk zieht, ist heute sexy.

Testosteron zum Geburtstag

Daran hat Scheirl maßgeblich Anteil. Denn 1956 in Salzburg als Angela geboren, ist sie seit den 1980ern eine Galionsfigur der queeren Wiener Kunstszene. Ihren Sinn für Geschlechterfragen schärfte sie in New York und London, ab den 1990ern machte sie mit Filmen wie dem Transgenderstreifen Dandy Dust auch international auf sich aufmerksam. Als Scheirl zu ihrem 40. Geburtstag anfing, sich Testosteron zu spritzen, wurde aus der Angela der Hans. Mit dem 60er verpasste Scheirl sich schließlich den neuen zweiten Vornamen Ashley und trägt seither Lippenstift zur Krawatte.

Während Scheirls Malerei heute in Installation und Video hineinwächst, mixt Knebl Kunst mit Mode und Design: 1970 in Baden geboren, arbeitete sie lange als Altenpflegerin, ehe sie Mode und Bildhauerei studierte. Den Taufnamen Martina Egger legte sie zugunsten der Vornamen der Großeltern ab.

Vor Venedig stehen noch einige auch internationale Ausstellungen an. Scheirl ist zudem seit 2006 Professorin für Malerei an der Wiener Akademie, Knebl unterrichtet dort am Institut für Lehramt. Die Zukunft der heimischen Kunst ist also über die Biennale hinaus sicher. (Michael Wurmitzer, 25.2.2020)

Zum Weiterlesen

Knebl und Scheirl 2021 für Österreich bei Kunstbiennale Venedig

Jakob Lena Knebl: Zu Gast im Fetisch-Apartment

Biennale Lyon: Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl bringen queeren Pep

Selbstporträt mit Badeschlapfen: Rotes Duo verhüllt Rathausturm

Queerness und die Wiener Kunstszene? Hier und queer!

 

GROSSEVENT

Knebl und Scheirl 2021 für Österreich bei Kunstbiennale Venedig

Ulrike Lunacek präsentierte am Dienstag die beiden Künstlerinnen und deren Kuratorin Karola Kraus

25. Februar 2020, 09:59

 

6 Postings

https://images.derstandard.at/img/2020/02/25/knebl.jpg?w=750&s=e9fa5117

Die Künstlerinnen Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl gestalteten 2019 den Wiener Rathausturm.

Foto: SCHEIRL / KNEBL

Die Künstlerinnen Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl werden Österreich auf der nächsten Kunstbiennale in Venedig 2021 vertreten. Das gab die Staatssekretärin für Kunst und Kultur, Ulrike Lunacek (Grüne), am Dienstagvormittag bei einer Pressekonferenz bekannt. Kuratiert wird der Pavillon des angesagten Wiener Kunstduos bei der 59. Kunstausstellung von Mumok-Direktorin Karola Kraus. Gerüchte waren schon davon ausgegangen.

Sie habe sich der Präferenz der Jury angeschlossen, so Lunacek. Mit Knebl (geb. 1970 in Baden) und Scheirl (geb. 1956 in Salzburg) seien zwei der "bedeutendsten, dynamischsten und international renommiertesten Künstlerinnen, die Österreich habe" zum Zug gekommen. Die Kunst der beiden sei sehr "kreativ, humorvoll, mit Geschlechtsidentitäten spielend". Der queere Aspekt sei heutzutage "sehr in", aber nicht nur das, er bewege auch alle Menschen. Der Arbeitstitel des Werks für die Biennale laute "Invitation of the soft machine and the angry body parts" – spannend befand Lunacek. "Soft" sei dabei eine Qualität, die Frauen zugeschrieben würden, bei "body parts" gehe es um Begehren aber auch Fragen der Identität, so die Künstlerinnen.

Im seit 1934 bespielten Österreich-Pavillon wollen Knebl und Scheirl dessen Symmetrie aufgreifen und je einen Raum einzeln bespielen, einander dabei aber immer wieder begegnen.

700.000 Euro Budget

Was Lunacek am Konzept überzeugt hat? Es sei innovativ, mutig, unkonventionell und sehr multimedial konzipiert. Das Vermittlungsprogramm des Duos habe nicht nur Venedig und die Biennale im Fokus, sondern mit Liveübertragungen in ein virtuelles Café wolle es auch mit Menschen etwa in Österreich kommunizieren. Diese Auseinandersetzung mit einem breiteren Kreis und nicht nur jenen, die sich ohnehin schon dafür interessieren, sie ihr wichtig und dass Kunst in die Gesellschaft hineinwirke.

Die niederschwellige Vermittlung ihrer Themen sei ihnen wichtig, so die Künstlerinnen. Knebl verschränkt in ihren Werken Kunst mit Mode und will dies auch in Venedig tun etwa indem sie mit der Wiener Handwerksbetriebe mit ins Boot holt, Scheirl startete mit Filmen und malt inzwischen vor allem unter Einbeziehung von Objekten, Video, Kontext. Im Pavillon werde es auch Hologramme geben, über die sie zu bestimmten Zeiten live hineingeschalten werden um mit den Besuchern zu sprechen.

Das Budget der Biennale beträgt weiterhin 450.000 inklusive Personalkosten, den fehlenden Rest auf die geschätzten Kosten von 700.000 Euro für die Präsentation wird Kraus akquirieren.

Gewählt aus 60 Bewerbungen

Zum ersten Mal war damit nun nach der Architekturbiennale auch bei der Kunstbiennale ein neues System zur Anwendung gekommen, bei dem nicht erst vom Kulturminister ein Kurator gekürt wird, der dann einen oder mehrere Künstler auswählt, sondern mussten sich Interessenten mit einem Konzept für eine Bespielung des Pavillons bewerben. Über die Bewerbungen entschied dann eine vierköpfige Jury bestehend aus dem Kurator Jasper Sharp Silvie Aigner von "Parnass", Lentos-Direktorin Hemma Schmutz sowie Künstler Erwin Wurm. Die wählte aus 60 Bewerbungen aus.

Es sei eine Ehre, dieses Vertrauen zu bekommen, so die Künstlerinnen. Es sei zwar in Österreich nicht alles super, aber nirgends sei alles super. "Wir haben überhaupt schwierige politische Situationen weltweit, wir haben aber auch die Chance, zu gestalten. Wir haben Macht, zu schauen, wie Systeme funktionieren und wir dagegen halten können." Es sei wichtig zu hören und zu schauen, wie man das Ruder wieder in die andere Richtung ziehen könne, so Knebl. (red, 25.2.2020)